Elterntipps rund ums Lesenlernen

4. Klasse

Die Bezeichnung "Lesen" sagt eigentlich nicht das aus, was die Kinder in diesem Bereich in der Schule genau leisten sollen. Aus diesem Grund ist man vielerorts dazu übergegangen, "Lesen" in "Texten Informationen entnehmen" umzubenennen. Es geht also nicht nur darum, dass ein Kind die gedruckten Buchstaben lautgerecht aneinanderreiht, sondern vorrangig darum, dass es den Sinn des Geschriebenen versteht. Unter diesen Bedingungen können die zentralen Anforderungen wie angemessene Betonung und Umgang mit Texten erreicht werden. Kinder, deren Eltern Interesse für Bücher zeigen, weil sie selber lesen, sind in diesem Bereich eindeutig im Vorteil. Denn sie lernen frühzeitig, dass Lesen Spaß macht und den natürlichen Lerntrieb stillen kann. Zusätzlich haben "Vielleser" in den Bereichen Rechtschreiben, Satz- und Textgrammatik häufig weniger Probleme als "Ungern-Leser".

In der Schule spielen vor allem Lesetechniken eine Rolle. Die Kinder sollen lernen, wie sie sich Informationen beschaffen können. Dies tun sie, indem sie Texte schrittweise lesen, Textstellen suchen und markieren, unterstreichen, oder Inhalte mit eigenen Worten wiedergeben. Das sog. "selbstvergessene" Lesen kann im Klassenraum kaum erreicht werden. In einer gemütlichen Leseecke und ohne Zeitdruck zu Hause kann dies schon eher gelingen.

Checkliste: Mein Kind
  • liest gerne und regelmäßig.
  • kann einige Gedichte und Liedtexte auswendig.
  • wählt sich selbst Texte zum Lesen aus.
  • kann den Inhalt des Gelesenen in eigenen Worten wiedergeben.
  • kann auch ungewöhnliche Textsorten wie Tabellen, Fernsehprogramme, Fahrpläne und Preislisten lesen und verstehen.
  • bildet sich eine eigene Meinung über das Gelesene, kann Vor- und Nachteile kritisch hinterfragen, Stellung nehmen, seine Meinung sachlich begründen.
  • schreckt vor Texten, die in ungewöhnlicher Form gedruckt sind (verwischte Wörter, Lücken, Spiegelschrift, verschiedene Schriften ...), nicht zurück.
  • spricht über das, was es gelesen hat.

Die Kultusministerkonferenz definiert in den von ihr beschlossenen Bildungsstandards für das Fach Deutsch (Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich, hrsg. vom Sekretariat der Ständigen Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, München: Wolters Kluwer 2005, S. 11ff.) folgende Anforderungen an die Lesekompetenz Ihres Kindes:

Ihr Kind soll:
  • altergemäße Texte sinnverstehend lesen
  • verschiedene Sorten von Sach- und Gebrauchstexten kennen.
  • Verfahren zur ersten Orientierung über einen Text nutzen.
  • gezielt einzelne Informationen suchen.
  • Texte genau lesen.
  • bei Verständnisschwierigkeiten Verstehenshilfen anwenden: nachfragen, Wörter nachschlagen, Text zerlegen.
  • Texte mit eigenen Worten wiedergeben.
  • zentrale Aussagen eines Textes erfassen und wiedergeben.
  • Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Texten finden.
  • selbstgewählte Texte zum Vorlesen vorbereiten und sinngestaltend vorlesen.
  • Geschichten, Gedichte und Dialoge vortragen, auch auswendig.
  • ein Kinderbuch selbst auswählen und vorstellen.
  • Kinderliteratur kennen: Werke, Autoren und Autorinnen, Figuren, Handlungen.

Um diese Anforderungen, die sich so auch in den Lehrplänen aller Bundesländer finden, erfüllen zu können, sollte Ihr Kind über bestimmte Lesetechniken bzw. Lesefertigkeiten verfügen. Sie bilden Das Fundament seiner Lesekompetenz. Eine gute Lesetechnik wird ergänzt durch die Fähigkeit, auch schwierige Texte zu lesen und zu verstehen – die Lesefähigkeit.

Was versteht man unter Lesetechnik?

Ein kompetenter Leser verfügt über verschiedene Lesetechniken. Diese machen es ihm möglich, mühelos zu lesen und Spaß dabei zu haben. Ein breites Spektrum an Lesetechniken ist aber auch Voraussetzung dafür, dass ein Leser unterschiedliche Anforderungen, die ein Text an ihn stellt, erfüllen kann, z.B. Fragen beantworten, schnell etwas in einem Text suchen usw.

Lesetempo

Viertklässler sollten über ein gewisses Lesetempo verfügen. Denn immer wieder werden Tests in der Schule durchgeführt, die in einer bestimmten Zeit zu bearbeiten sind und so auch das Lesetempo der Kinder überprüfen. Deshalb sind die Übungen zur Steigerung des Lesetempos ein zentraler Bestandteil der Leseförderung im 4. Schuljahr.

Wortbilder aufbauen

Ein kompetenter Leser sollte möglichst viele Wortbilder so im Gedächtnis verankert haben, dass er die Wörter nicht mehr Buchstabe für Buchstabe oder Silbe für Silbe erlesen muss. Vielmehr sollte er die Wortbilder gängiger Wörter sofort erkennen.

Blickspanne erweitern

Eine weitere wichtige Anforderung ist die Erweiterung der Blickspanne. Ein geübter Leser nimmt ganz automatisch mehrere Wörter in den Blick und kann diese sehr schnell lesen und wiedergeben. Dabei geht es darum, die Augenmuskulatur so zu trainieren, dass immer mehr Buchstaben in den Blick genommen werden können. Dies wird beispielsweise mit Sätzen trainiert, die von Zeile zu Zeile immer länger werden.

Tipp: Lesen wie der Blitz

Nehmen Sie eine Kinderzeitschrift oder ein Buch. Zuerst zeigen Sie Ihrem Kind mehrere Wörter, dann einen einfachen Satz. Den Satz decken Sie nach kurzer Zeit ab. Ihr Kind sagt Ihnen dann, was es gelesen hat. Sie wählen die nächsten Wörter bzw. den nächsten Satz aus und decken ihn nach kurzer Zeit wieder ab. So übt Ihr Kind immer mehr Wörter in den Blick zu nehmen und zu lesen. Verkürzen Sie die Zeitspanne nach und nach. Der Schwierigkeitsgrad kann ohne Probleme gesteigert werden, indem Sie immer längere und auch schwierigere Sätze auswählen.

Überfliegendes Lesen

Einen Text erst einmal zu überfliegen, ist eine wichtige Strategie, um sich einerseits einen Überblick zu verschaffen, worum es in dem Text geht, und andererseits, um zu überlegen, wie an den Text und die dazugehörigen Aufgabenstellungen herangegangen werden muss. Ihr Kind verschafft sich so einen Überblick über Fragen oder Aufgaben, die es bearbeiten soll, und kann dann entscheiden, wie es sich den Text am besten erschließt. Diese Technik ist auch dazu geeignet, im Text nach einer bestimmten Information zu suchen, z. B. um in einem Zeitungsartikel nach den Öffnungszeiten einer Ausstellung zu suchen.

Genaues Lesen

Zu einer guten Lesetechnik gehört auch, dass Ihr Kind Texte so genau lesen kann, dass es einzelne veränderte Buchstaben im Text sofort erkennt. Ganz anders als beim überfliegenden Lesen geht es hier darum, dass sehr präzise und genau gelesen wird. Oft reicht ein veränderter Buchstabe in einem Wort aus, um den Sinn eines ganzen Satzes zu verändern, z. B. "Gib mir die Rose!" oder "Gib mir die Dose!".

Lesen unterschiedlicher Schriften

Im Alltag wird Ihr Kind beim Lesen von Zeitschriften, Büchern, Comics oder Beschriftungen mit den unterschiedlichsten Schriftarten konfrontiert. Teilweise unterscheiden sich die Buchstabenformen von Schrift zu Schrift erheblich. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass ein Kind Mühe hat, diese Zeichen als ein und denselben Buchstaben zu erkennen. Es ist daher wichtig, dass Ihr Kind auch unterschiedliche und ungewöhnliche Schriften mühelos lesen kann.

Lesen unvollständiger Wörter

Gute Leser können Wörter, in denen z. B. die Vokale fehlen, ohne Schwierigkeiten lesen. Auch fehlende Konsonanten können beim Lesen ergänzt werden, wenn aus dem Sinnzusammenhang deutlich wird, um welches Wort es sich handeln muss. Hierfür ist es erforderlich, dass Ihr Kind sinnentnehmend liest, also den Text versteht. Dann kann Ihr Kind nicht nur fehlende Buchstaben, sondern sogar fehlende Wörter aus dem Zusammenhang erschließen und ergänzen. Auch Wörter, die nicht zum Satz gehören, werden als solche erkannt.

Lesefähigkeit: Texten Informationen entnehmen

Ihr Kind sollte im 4. Schuljahr altersgemäße Texte verstehen und diesen Informationen entnehmen können. Hierbei werden nach den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz unterschiedliche Verstehensleistungen von Ihrem Kind gefordert.

Ihr Kind sollte folgende Leistungen erbringen können:

  • Verstehen und Bearbeiten von Aufgabenstellungen
  • Nutzen von Arbeitstechniken wie unterstreichen, Textstellen herausschreiben, Schlüsselwörter erkennen, Stichpunkte nutzen
  • Erkennen der Hauptinformation des Textes
  • Texte mit eigenen Worten wiedergeben
  • bedeutungsvolle Aussagen erfassen und fixieren
  • aus ähnlichen Aussagen die zutreffende ermitteln
  • Wörter aus dem Zusammenhang heraus verstehen
  • Aussagen mit Textstellen belegen
  • Herstellen von Beziehungen zum eigenen Vorwissen
  • einzelne Informationen finden
Präsentation von Texten: Vorlesen - Vortragen - Auswendiglernen

Bereits in der Grundschule wird verstärkt Wert auf die Präsentation von Texten gelegt. Dazu gehört das Vorlesen und Vortragen von Texten. Es wird erwartet, dass Kinder Texte, die sie entsprechend vorbereitet haben, sinngestaltend vorlesen können. Darüber hinaus sollen auch Geschichten, Gedichte und Dialoge frei vorgetragen bzw. auswendig gelernt werden.

Lesemuffel überlisten

Spornen Sie Ihr Kind an und schaffen Sie "Leselust". Dies können Sie tun, indem sie mit Ihrem Kind beispielsweise die Bibliothek besuchen. Hier findet man neben Büchern auch Comics, Computerspiele, Hörbücher und vieles andere mehr, was die Lust auf Texte steigert. Lesen ist nicht langweilig! Es kommt nur darauf an, dass man das Richtige liest. Und richtig ist alles, was altergerecht und spannend ist. Wenn Ihr Kind in der Lage ist, sich selber Texte auszusuchen, die es lesen möchte, haben Sie das Ziel schon so gut wie erreicht. Lassen Sie sich dabei ruhig informieren. "Was liest du gerade?", "Erzähl mir von deinem Buch!" sind Sätze, die Ihrem Kind signalisieren, dass Sie Interesse haben und sich Zeit nehmen. Das genießt jedes Kind.